Über meine erste Theaterproduktion – und wie dieses Projekt mich musikalisch und persönlich wachsen ließ.
Wie funktioniert Improvisation im Zusammenspiel mit Tanz? Wie entsteht ein musikalischer Dialog mit Bewegung? Und was bedeutet es, als Jazzpianist zum ersten Mal Teil einer Theaterproduktion zu sein?
Genau diesen Fragen durfte ich bei der Tanzproduktion „Briefe an …“ von Ballettdirektorin Dominique Dumais am Mainfrankentheater Würzburg nachgehen. Gemeinsam mit meinem Professor Rainer Böhm, bei dem ich Jazzklavier im Bachelor an der Hochschule für Musik Mannheim studiere, durfte ich Teil dieser außergewöhnlichen Produktion sein. Die musikalische Grundlage bildeten überwiegend Kompositionen aus seinem Soloalbum hýdōr , ergänzt durch Live-Improvisationen im direkten Dialog mit den Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne.
Was zunächst wie ein spannendes musikalisches Projekt klang, entwickelte sich für mich zu einer intensiven Reise – musikalisch, künstlerisch und persönlich.
Die Vorbereitung begann lange vor der ersten Probe. Der Großteil der Musik stammt aus Rainers Soloalbum hýdōr. Diese Stücke lassen sich nicht einfach anhand von Noten oder Aufnahmen reproduzieren. Sie leben von Improvisation, von spontanen Entscheidungen und einer sehr individuellen musikalischen Sprache.
Meine Aufgabe bestand deshalb nicht darin, die Musik möglichst exakt zu kopieren. Ich musste vielmehr verstehen, warum sie so klingt. Welche rhythmischen Konzepte stecken hinter den Stücken? Welche Improvisationstechniken werden verwendet? Wie entwickelt sich Spannung? Wann wird Raum gelassen? Wann entsteht Bewegung?
Dieser Prozess war herausfordernd und hat viel Zeit in Anspruch genommen. Gleichzeitig war er eine der wertvollsten Lernerfahrungen meines bisherigen Studiums, bei denen ich viel über meinen eigenen musikalischen Ausdruck gelernt.
Gerade im Jazz wird häufig über Improvisation gesprochen. Dieses Projekt hat mir jedoch gezeigt, dass Improvisation weit mehr bedeutet, als spontan Töne zu spielen. Sie bedeutet, der eigenen musikalischen Sprache zu vertrauen. Entscheidungen im Moment zu treffen. Zuhören. Reagieren. Manchmal bewusst nichts zu spielen und Raum entstehen zu lassen.
Besonders spannend war dabei die Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern. Musik und Bewegung standen nicht nebeneinander – sie beeinflussten sich gegenseitig. In einigen Passagen reagierten wir unmittelbar aufeinander. Dadurch entstand ein künstlerischer Dialog, der jede Aufführung einzigartig machte.
Im Mittelpunkt der Produktion stehen Briefe – Liebesbriefe, historische Korrespondenzen und persönliche Texte.
Doch es geht nicht nur um ihren Inhalt. Dominique Dumais interessierte vor allem das Schreiben selbst. Handschriften, Satzzeichen, der Rhythmus einer Sprache oder sogar die Form einzelner Buchstaben wurden zum Ausgangspunkt choreografischer Ideen. Die Tänzerinnen und Tänzer entwickelten zunächst aus selbst geschriebenen Briefen individuelle Bewegungen und Choreografien, die später zu einem gemeinsamen Bühnenwerk zusammengeführt wurden.
Auch musikalisch spielte Sprache eine entscheidende Rolle. Der Rhythmus eines Satzes, lange oder kurze Gedanken, Wiederholungen oder Pausen konnten unmittelbaren Einfluss auf die Improvisation nehmen. So entstand ein faszinierender Dialog zwischen Sprache, Bewegung und Musik.
Diese Herangehensweise fand ich besonders inspirierend, weil sie zeigt, dass musikalischer Ausdruck überall entstehen kann – selbst aus der Struktur eines Briefes.
Meine erste Theaterproduktion
Neben der musikalischen Herausforderung war dieses Projekt für mich auch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes: Es war meine erste Theaterproduktion überhaupt. Bis dahin kannte ich hauptsächlich den Hochschulalltag, Bandproben und Konzertbühnen. Ein Theater funktioniert jedoch völlig anders. Schon während der ersten Proben wurde mir bewusst, wie viele Menschen daran beteiligt sind, damit am Ende eine einzige Vorstellung stattfinden kann. Ich durfte miterleben, wie sich eine Produktion Schritt für Schritt entwickelt. Von den ersten musikalischen und choreografischen Proben über Bühnenproben und technische Durchläufe bis hin zu Lichtproben und den Endproben unter nahezu realen Aufführungsbedingungen.
Ebenso beeindruckend war für mich die Vielzahl der beteiligten Gewerke. Tänzerinnen und Tänzer, Musiker, Choreografie, Regie, Inspizienz, Licht- und Tontechnik, Bühnenbild, Requisite, Schneiderei, Maske und viele weitere Mitarbeitende arbeiten Hand in Hand daran, dass am Ende alles selbstverständlich wirkt. Als Zuschauer sieht man meist nur das fertige Ergebnis auf der Bühne. Hinter den Kulissen steckt jedoch eine enorme organisatorische und kreative Leistung, die mich tief beeindruckt hat.
Diese Einblicke waren für mich mindestens genauso lehrreich wie die musikalische Arbeit selbst.
Rückblickend hat mich dieses Projekt nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich weitergebracht. Ich habe erfahren, wie wichtig eine strukturierte Vorbereitung, Geduld und Vertrauen in den eigenen Entwicklungsprozess sind. Denn Musik, die so stark von Improvisation geprägt ist, erschließt sich nicht auf Anhieb. Sie wächst mit der Zeit und wird Schritt für Schritt Teil der eigenen musikalischen Sprache.
Gleichzeitig durfte ich erleben, wie professionelle Zusammenarbeit in einem Theater funktioniert und wie wichtig Kommunikation, Zuverlässigkeit und gegenseitiges Vertrauen für eine Produktion dieser Größenordnung sind. „Briefe an …“ hat mir gezeigt, wie eng Musik, Sprache und Bewegung miteinander verbunden sein können. Als Pianist war ich nicht nur musikalischer Begleiter einer Tanzproduktion, sondern Teil eines künstlerischen Dialogs, bei dem jede Aufführung neu entstand. Genau diese Offenheit, dieses gegenseitige Zuhören und Reagieren machen für mich die Faszination improvisierter Musik aus.
Ich bin sehr dankbar, gemeinsam mit Rainer Böhm, Dominique Dumais, der Tanzcompagnie und allen Mitarbeitenden des Mainfrankentheaters Würzburg an dieser Produktion mitgewirkt zu haben. Ich wurde nicht nur musikalisch gefordert - meinen Blick auf Kunst, Zusammenarbeit und den Beruf des Musikers hat sich nachhaltig verändert.